Als Karin Baal am 26. November 2024 in Berlin starb, war ihr Name noch immer untrennbar mit einem Film verbunden, den sie fast sieben Jahrzehnte zuvor gedreht hatte. „Die Halbstarken“ machte die damals 15-Jährige praktisch über Nacht zum Star und gab dem westdeutschen Nachkriegskino eines seiner prägnantesten Gesichter. Baal wurde 84 Jahre alt.
Ihre Kinder Therese Lohner und Thomas Baal beschrieben nach ihrem Tod, welche Wirkung ihre Mutter hinterlassen habe:
„Sie hat eine Generation geprägt und wird unvergessen bleiben.“
Diese Einschätzung passt zu einer Karriere, die viel größer war als die berühmte Rolle der Sissy – auch wenn Baal selbst diesem frühen Image lange nicht vollständig entkommen konnte.
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Unter 700 Mädchen begann eine ungewöhnliche Karriere
Karin Baal wurde am 19. September 1940 als Karin Blauermel in Berlin geboren. Nach der Mittleren Reife besuchte sie eine Schule für Modezeichnen. Eine klassische Schauspielkarriere hatte sie zunächst nicht geplant.
Dann stieß sie auf eine Zeitungsanzeige für Georg Tresslers Film „Die Halbstarken“. Gesucht wurde ein bestimmter junger Frauentyp, Baal ging zum Vorsprechen – und setzte sich unter rund 700 Bewerberinnen durch. Mit der Rolle bekam sie zugleich einen Vertrag über eine dreijährige Schauspielausbildung. Ihr außergewöhnlicher Einstieg ist in der Biografie zu Karin Baals Filmkarriere dokumentiert.
„Die Halbstarken“ kam 1956 ins Kino. Baal spielte Sissy an der Seite von Horst Buchholz: selbstbewusst, provokant und deutlich weniger angepasst als viele Frauenfiguren, die das damalige deutsche Kino zeigte.
Das Publikum reagierte stark auf diese Figur. Baal wurde bald mit Brigitte Bardot verglichen und zum Symbol einer Jugend, die nicht mehr selbstverständlich den Erwartungen der älteren Generation folgte.
Der frühe Erfolg wurde zugleich zum Problem
Der Durchbruch öffnete Baal viele Türen, legte sie aber auch auf einen bestimmten Typ fest. In den folgenden Jahren bekam sie wiederholt Rollen als rebellische, gefährliche oder gesellschaftlich unangepasste junge Frau.
Sie wirkte unter anderem in „Das Mädchen Rosemarie“, „Der Jugendrichter“ und „Die junge Sünderin“ mit. Später änderte sich das Bild: In Edgar-Wallace-Produktionen wie „Die toten Augen von London“ und „Der Hund von Blackwood Castle“ spielte sie eher bedrohte Frauenfiguren.
Gerade dieser Wechsel zeigt, dass Baals Laufbahn vielseitiger war, als die dauernde Erinnerung an Sissy vermuten lässt. Trotzdem blieb „Die Halbstarken“ ihr Referenzpunkt – ein früher Triumph, der über Jahrzehnte jede neue Rolle begleitete.
Fassbinder zeigte eine andere Karin Baal
Ab den 1970er-Jahren verlagerte sich Baals Arbeit zunehmend ins Fernsehen. Gleichzeitig fanden auch Regisseure des Neuen Deutschen Films Verwendung für ihre Erfahrung und ihre besondere Berliner Präsenz.
Rainer Werner Fassbinder besetzte sie unter anderem in „Berlin Alexanderplatz“, „Lili Marleen“ und „Lola“. In „Berlin Alexanderplatz“ spielte sie Franz Biberkopfs Schwägerin Minna. Diese späteren Arbeiten zeigten Baal nicht mehr als jugendliche Provokateurin, sondern als gereifte Charakterdarstellerin.
Daneben wurde das Fernsehen zu einem wichtigen Bestandteil ihrer Karriere. Sie trat in bekannten Formaten wie „Tatort“, „Derrick“, „Der Kommissar“, „Die Schwarzwaldklinik“ und „Liebling Kreuzberg“ auf.
Auch das Theater blieb Teil ihres Berufslebens. Baal arbeitete unter anderem in Zürich, am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, an den Münchner Kammerspielen und am Berliner Renaissance-Theater. 1982 trat sie bei den Salzburger Festspielen in Peter Handkes „Über die Dörfer“ unter der Regie von Wim Wenders auf.
Vier Ehen und eine schwere persönliche Krise
Baals Privatleben verlief deutlich unruhiger als ihre lange berufliche Kontinuität vermuten lässt. Sie war viermal verheiratet.
1960 heiratete sie Karlheinz Gaffkus, den sie aus dem Umfeld von „Die Halbstarken“ kannte. Aus der Ehe stammt ihr Sohn Thomas. 1962 folgte die Ehe mit dem Schauspieler Helmuth Lohner; ihre gemeinsame Tochter Therese Lohner wurde ebenfalls Schauspielerin. Die Ehe endete 1977.
Besonders einschneidend war der Tod ihres dritten Ehemanns, des Schauspielers Volker Eckstein, im Jahr 1993. Baal zog sich danach zeitweise aus dem Beruf zurück. Sie sprach später offen darüber, dass diese Phase von einer schweren persönlichen Krise und Alkoholproblemen geprägtgt gewesen sei.
2000 heiratete sie noch einmal, den Schauspieler Cevdet Çelik. Seit 2004 lebte das Paar getrennt.
Der späte Preis für ein langes Schauspielerleben
2011 stand Baal für „Vergiss nie, dass ich Dich liebe“ letztmals vor der Kamera. Ein Jahr später veröffentlichte sie ihre Erinnerungen unter dem Titel „Ungezähmt – Mein Leben“.
2018 folgte eine besondere späte Würdigung: Karin Baal erhielt den erstmals vergebenen Götz-George-Preis für ihr Lebenswerk. Die Auszeichnung erinnerte zugleich an einen Schauspieler, dessen Familie eng mit deutscher Filmgeschichte verbunden ist; auch Götz Georges Tochter Tanja George und ihr eigener künstlerischer Weg gehören zu dieser Geschichte. Die Stiftung würdigte Baal damals als Schauspielerin, die ihren Figuren große emotionale Offenheit verlieh.
Bis zuletzt blieb Berlin ihr Lebensmittelpunkt. Obwohl zeitweise ein Umzug zu ihrer Tochter nach Wien im Gespräch gewesen sein soll, blieb Baal in Charlottenburg. Nach Angaben ihrer Tochter hing sie zu sehr an ihrer Heimatstadt.
Damit schloss sich ein Kreis: Von der Jugendlichen aus dem Wedding, die ohne Schauspielausbildung zu einem Casting ging, bis zur ausgezeichneten Charakterdarstellerin blieb Berlin der feste Bezugspunkt ihres Lebens. Der Mythos der „Halbstarken“ eröffnete ihre Karriere – doch Karin Baals Werk reichte weit darüber hinaus.


